Die Normandie


Diese Seite ist eine kleine Reminiszenz an den modernsten Ozeanliner seiner Zeit - und den schönsten, der jemals gebaut wurde: der Normandie. Sie war der Höhepunkt einer Entwicklung - und mit ihrem Ende begann der endgültige Untergang einer Epoche der Superliner. 1935 war sie das Gesamtkunstwerk des Art Deco schlechthin.

Die Zeit der Liner begann um die Jahrhundertwende. Seit dem Stapellauf des Lloyddampfers "Kaiser Wilhelm der Große" waren diese Schiffe die neuen Weltwunder. Es waren die größten beweglichen Strukturen der Erde, und sie veränderten die Welt des 20. Jahrhunderts ebenso wie die Eisenbahn das Jahrhundert davor geprägt hatte.

Die Liner waren aber auch Ausdruck nationaler Größe; die Briten antworteten auf den deutschen Erfolg mit der Lusitania und Mauretania, deren Bau staatlich gefördert wurde. Den ersten Höhepunkt erreichte dieser Konkurrenzkampf mit dem Trio Titanic, Olympic und Gigantic (die nach Lusitania dem Untergang ersterer als Britannic fertiggestellt wurde). Andere bis heute berühmte Namen dieser Periode waren die France, Leviathan oder Aquitania.

1926 begann dann die große Hochblüte der Transatlantikliner. Der erste Weltkrieg und geänderte Einwanderungsgesetze hatten den Strom der III.-Klasse-Passagiere verebben lassen, die Reedereien orientierten sich neu. Der Historismus in der Architektur hatte sich überlebt, erstmalig sah man nach vorne - und die damalige Avantgarde hatte ihren ersten großen Auftritt. Inspiriert von der "Exposition des Arts Décoratifs et Industriels Modernes", war die "Ile de France" Wegbereiter für den neuen Stil des "Art Deco" - und Vorläufer der Normandie.


1935 lief dann das damals größte Schiff der Welt vom Stapel: ein 313 Meter langes Superlativ, Meisterstück und Höhepunkt der Entwicklung der Ozeanriesen. Alles an ihr war gigantisch, wie schon die Bilder aus der Werft zeigen: oben Ruder und Aufhängung der Schiffschrauben, gefertigt von Skoda; unten der Rumpf in verschiedenen Bauphasen.

Normandie Normandie
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Die neue Normandie stellte alles bisher dagewesene in den Schatten. Die beiden größten Luxussuiten hatten je 6 Zimmer, insgesamt gab es alleine in der ersten Klasse 453 Suiten, eingerichtet im mondänen Stil der 30er Jahre. Der obige Link zeigt den Grundriss einer Suite de Grand Luxe, mit 4 Schlafzimmern, zwei Bädern, großem Aufenthalts- und Speiseraum und sogar eigener Küche für das Personal.

Normandie Normandie
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Für Frankreich war das Schiff Sache von nationalem Prestige, und selbstverständlich sollte die erste Reise auch zu einem technischen Triumph geraten. Die Welt wurde nicht enttäuscht, bei Probefahrten wurde mühelos eine Dauerleistung von fast 31 Knoten erreicht. Die Jungfernfahrt wurde eine Weltsensation. Als die Normandie am Abend des 29. Mai 1935 Le Havre verließ, verabschiedeten sie die Sirenen der Ile de France, der Paris und der Manhattan - und tausende Menschen an allen Stellen, die halbwegs Sicht auf das majestätische Schiff erlaubten. Nach einer Zwischenlandung in Southampton begann die beispiellose Fahrt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 Knoten; am besten der 4 Tage der Überfahrt hielt die Normandie über 24 Stunden 30,91 Knoten. Mühelos wurden alle existierenden Atlantikrekorede gebrochen, und bereits beim Einlaufen in New New York ließ Kapitän Pugnet das blaue Band hissen. So selbstsicher war man gewesen, dass den Passagieren bereits vorbereitete Kuchen mit blauer Schleife serviert wurden - verziert mit "Made in France".

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Schiffsreisen dieser Zeit hatten mit heutiger Flughafenhektik nichts zu tun. Reisen nach Amerika dauerten lange, so war es meist ein Abschied für viele Wochen oder Monate. Familie und Freundeskreis begleiteten die Abfahrenden zum Hafen, das Beziehen der Kabinen dauerte Stunden, die die Angehörigen an Bord miterleben konnten. Die Abfahrt eines Liners war ein auch gesellschaftliches Ereignis, die Zeitungen listeten die Schiffsbewegungen aktuell auf. Tausende Menschen waren in Bewegung - Hafenarbeiter, Besatzung, Reisende, Begleitung, Zuschauer. In New York hatten sich mitternächtliche Abfahrten eingebürgert, die High Society kam in Champagnerlaune direkt von abendlichen Veranstaltungen zur Abreise. Sogar Worte wie "posh" hatten sich im allgemeinen Sprachschatz eingebürgert - "Port out, starboard in", "Backbord hinaus, Steuerbord zurück" bezeichnet die kühleren, sonnenabgewandten Kabinen bei der Fahrt nach Indien.

Normandie Normandie
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Die prachtvolle Glanzzeit der Normandie dauerte nur kurz. Am 28. August 1939 lief sie letztmalig in New York ein; die geplante Rückfahrt wurde wegen Passagiermangels abgesagt, und am 1. September brach in Europa der Krieg aus. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour trat Amerika in den Krieg ein und beschlagnahmte das Schiff, Frankreich war ja deutsch besetzt. Die Normandie sollte umgebaut werden, auch wenn man sich vorerst nicht klar war, wofür der mächtige Rumpf künftig verwendet werden sollte. Man entschied sich schlussendlich für einen Umbau zum Truppentransporter; allerdings scheint es im Nachhinein, als hätte sich das elegante Schiff dieser Demütigung entzogen. Bei den Umbauarbeiten fing es am 9. Februar 1942 Feuer; vollgepumpt mit Löschwasser, kenterte es am Pier. Die wasserdichten Schotten, die bei einer Beschädigung die Überflutung des ganzen Schiffes verhindern sollten, hielten nun das Wasser im Rumpf. Das Feuer war gelöscht, aber das Sterben des Schiffes begann erst.

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12 Stunden nach dem Ausbruch des Feuers hatte sich die Normandie auf die Seite gelegt, und so blieb sie bis August 1943. 18 Monate wurde versucht, sie wieder aufzurichten. Im November konnte sie endlich Pier 88 verlassen. Der Stolz der französischen Handelsmarine war zu einem grauen Rumpf geworden; nur noch kurz wurden Pläne zur Rekonstruktion angedacht. "She is a dingy monument of dead hopes", schrieb die New York Times 1946. Am 28. November, dem Begräbnis einer Königin gleich, wurde die Normandie von 12 Schleppern langsam aus dem Hafen von New York gezogen. Aller Glanz war verschwunden. Den Hafen, in dem sie wenige Jahre Jahre zuvor von 200000 Menschen begeistert empfangen wurde, verließ sie nun ohne Verabschiedung. Ihre Verschrottung begann am nächsten Tag; im Oktober 1947 wurden die letzten Fragmente in Eisenbahnwagen verladen.

Nach dem Krieg konnten die Liner nicht mehr an ihren Erfolg früherer Zeiten anknüpfen. Transatlantikflüge übernahmen den Transport in die neue Welt; die Reisekultur, deren Höhe- und Schlusspunkt die Normandie darstellte, ging mit ihr unter.

Die Abbildungen dieser Seite entstammen den Archiven meines Vaters Friedrich Jahn, der sein Leben der Marine widmete und eine der größten Privatsammlungen Österreichs zu diesem Thema zusammentrug.


Links

Eine Seite über die Normandie

Art Deco in Österreich: Die Gemeindebauten des Roten Wien




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