Straßenbahn in Frankreich - Nancy

Das Rad neu erfunden - rund ist es diesmal nicht geworden


Nancy hat als Tram 1 einen Duo-Trolleybus eingeführt, der im Stadtzentrum elektrisch betrieben (nur) von einer Mittelschiene geführt wird und außerhalb oder bei Bedarf auch ohne Schiene dieselbetrieben wie ein Bus fährt. Anfang 2001 wurde eine 11 km lange Strecke quer durch Nancy in Betrieb genommen; es zeigten sich jedoch rasch gravierende Sicherheits- und elektrische Probleme. Nach zwei Unfällen, bei denen das Heck ausgebrochen war, wurde die Betriebsgenehmigung entzogen und die Personenbeförderung untersagt. Seit April 2002 ist das System nun endlich im Vollbetrieb.

Nach einigen Jahren Betrieb sind die Erfahrungen wenig ermutigend:

Geringes Transportvolumen: ein solcher Duo-Trolleybus befördert weniger als ein normaler (elektrischer) Trolley-Bus oder ein normaler Diesel-Gelenkbus.

Geringe Sicherheit: bedingt durch die Leichtbauweise, hat schon ein leichter Anstoß oder das Überfahren eines Bordsteins gravierende Folgen: Bauteile fallen ab, Scheiben zersplittern und können Fahrgäste verletzen.

Laut, teuer, langsam und wenig effektiv: Um überhaupt eine halbwegs sichere Schienenführung zu erreichen, musste der Anpressdruck jeder Führungsrolle auf je 750 kp erhöht werden. Dadurch viel Lärm und viel Abnutzung. Außerdem wird dadurch die Adhäsion der Antriebsräder so gering, dass bei Steigungen häufig der elektrische Betrieb abgeschaltet werden und das Fahrzeug mit dem schwächeren Dieselantrieb hochschleichen muss. Die Linie 1 braucht nach Auskunft der Verkehrsbetriebe NANCY für die 11 km lange Strecke 45 min (wenn keine Störungen auftreten!). Über Betriebskosten könne man nichts sagen... Sie ist damit deutlich langsamer als moderne Tramlinien oder auch Buslinien auf eigener Spur.

Text von Franz Roski, Strasbourg
Alle Fotos entstanden am 13.8.2002.


Die genaue Expertise über die TVR (= Gummitram) in Nancy und Caen beschreibt u.a., dass

- fast alle Systemmängel und Materialfehler sich schon bei den Vorläufern in Mons/Belgien und bei Paris gezeigt hatten,

- dass ein anderes Straßenfahrzeug beim Vorliegen solcher Mängel sofort von der Polizei aus dem Verkehr gezogen worden wäre. Gegen die Beteiligten wären Straf- und Bussgeldverfahren eingeleitet worden.

- dass das gewählte System der Führung durch Mittelschiene erhebliche physikalische und technische Probleme aufwirft, - dass ein sicherer Weiterbetrieb der Fahrzeuge nur unter folgenden Voraussetzungen möglich ist:

a) Die zu engen Kurven in Nancy werden korrigiert.
b) Fahrbahn, Führungsschiene und Führungsrollen dürfen nur sehr wenig vom Soll abweichen. Alle Abweichungen sind sofort zu beseitigen, durch Neubau oder Reparatur.
c) Der Zustand und die Einhaltung der Sollwerte muss ständig kontrolliert werden.
d) Die Fahrzeuge dürfen in kleineren Kurven nicht schneller als 5 km/h (!) fahren.
e) Es werden mehrere Verbesserungen an Fahrzeugteilen und eingebauten Instrumenten durchgeführt.

Diese Maßnahmen werden nicht nur einmalig einen sehr hohen finanziellen Aufwand erfordern, sondern auch den weiteren Betrieb der TVR belasten. Auch für die Fahrgäste ist der TVR schon jetzt wenig attraktiv, u.a. wegen seiner geringen Reisegeschwindigkeit. Diese wird noch weiter sinken.

Angesichts dieser Probleme erscheint es fraglich, ob die Systeme auf Dauer weiterbetrieben werden. Die Expertise hat die Frage von Ersatzlösungen auf den Strecken ausdrücklich nicht aufgenommen, "um so zu pessimistische Interpretationen zu vermeiden." (so wörtlich auf Seite 6)

Nancy mit seinem geführten Trolleybus ("Tram auf Gummireifen") hat damit das langsamste und das teuerste Personentransportsystem aller französischen Stadtverbände ab 250.000 Einwohner. Obendrein sind die Fahrgastzahlen so stark geschrumpft, dass Groß-Nancy auch noch das am wenigsten benutzte Beförderungssystem hat!

Die durchschnittliche Beförderungsgeschwindigkeit ist dort nur 12,7 km/h, und eine Beförderung kostet in Nancy 2,21 Euro, bei nur 69 Beförderungen pro Einwohner und Jahr. Zum Vergleich: in Strasbourg fährt man allgemein 18,2 km/h, mit der Straßenbahn 22 km/h im Durchschnitt.

Die Straßburger nutzen ihr System auch 177 mal im Jahr, und jede Beförderung kostet nur 1,00 Euro - trotz (oder gerade wegen) schneller, nicht gerade billiger und gut gewarteter Verkehrsmittel und -infrastrukturen. Da in Strasbourg der Einzelfahrschein 1,20 Euro und als Fünfer- oder Zehnerpack 1,04 Euro kostet, wird klar, weshalb die Straßburger Verkehrsbetriebe praktisch kostendeckend arbeiten und weshalb hier jeder zusätzliche Fahrgast Gewinn bringt.


Die Zukunft der Städte, Seite 161

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Letzte Änderung: 5.12.2017