Budapest: Die Neugestaltung des Széll Kálmán tér

Eine U-Bahn-Station, mehrere Straßenbahnlinien, ein wichtiger Umsteigeknoten und städtischer Treffpunkt - die vielen unterschiedlichen Bedürftnisse ließen auf dem Platz parasitäre Baukörper wie Zeitungs- oder Fast-Food-Standln wuchern. Wer jetzt an den Schwedenplatz denkt, hat schon fast gewonnen, aber: die Rede ist von Budapest, vom Széll Kálmán tér (von 1951 bis 2011 Moskva ter). Hier endet nicht nur die Straßenbahnlinie 4/6, die weltweit die meisten Passagiere transportiert, hier war auch die Endstation einiger weiterer Tramlinien, was Gleisschleifen und Wendegleise ebenso erforderte wie Verwaltungs-, Aufenthalts- und Überwachungsräume für den reibungslosen Betrieb. Kurz gesagt war der Platz ein chaotisches Gewimmel von Menschen und Straßenbahnen, dabei unübersichtlich, eng und dreckig.



Bild: Wikipedia/Aktron, 2006

Durchschlagen wurde dieser Gordische Knoten mit einer Idee, die die vielen Umkehrgleise überflüssig machte: fast alle Linien wurden mit anderen verknüpft, sodass aus den Endstationen normale Haltestellen wurden. Die riesigen Züge der weiterhin hier endenden Linie 4/6 baggern alle paar Minuten hunderte Menschen heran; es ist ein Paternoster für Massenbetrieb.

Abgesehen von der nun übersichtlicheren Platzgestaltung erspart die Neuorganisation vielen Fahrgästen das lästige Umsteigen. Für das neue Linienschema wurde der Platz großzügig neu gestaltet - und das Ergebnis überzeugt! Aus dem verhüttelten Tramway-Rangierbahnhof wurde ein übersichtlicher Stadtraum, der trotz des starken Fußgängerverkehrs auch Inseln der Ruhe bietet.

Der zentrale Metro-Abgang behielt sein gefaltetes Dach aus den 1970er-Jahren, wurde aber von diversen Anbauten befreit; so wird sogar die brutalistische Betonarchitektur rehabilitiert. Wo früher aggressive Sägezähne über braune Blechstrukturen aufragten, schwebt heute eine zart gefaltete Betonstruktur über einem Glaspavillon. "Beton - es kommt drauf an, was man daraus macht", lautete ein Werbespruch der Zementindustrie. Hier sieht man: sie hatte Recht. Die Reduktion des Eingangspavillons auf die Grundidee war genial, und die Form harmoniert sogar mit den heute modernen Strukturen, die wie Eisschollen aus der Platzebene herausbrechen. Diese Schollen mit ihren unregelmäßigen geometrischen Formen wirken, obwohl gerade total en vogue, ein wenig geschmäcklerisch. Fast jeder aktuelle Entwurf gefällt sich darin, Plätze mit Geraden zu überziehen und die entstehenden Flächen irgendwie zu verkippen (vergl. Wien, Südtirolerplatz!), aber bitte - auf einem dreieckigen Platz mit vielen Gehlinien ist das durchaus plausibel. Allerdings liegen manche "Schollen" und Ruhezonen ausgerechnet in den "Desire Lines", den logischen direkten Fußgängerwegen, wie das Luftbild zeigt: Vielleicht war das Bild am CAD-Bildschirm zu abstrakt, vielleicht dachte man auch, die Wege der Passanten beeinflussen zu können. So bleiben die Linien, die kreuz und quer über den Platz laufen, eher symbolisch, trotzdem wirkt der Entwurf gelungen. Der Platz ist für hohe Frequenz konzipiert und punktet mit menschlichem Maßstab - immer wieder finden sich Details, die einladen, kurt innezuhalten: die traditionsreiche Uhr, die schon früher Treffpunkt war; ein Bodenbrunnen, der Kinder begeistert; eine kleine Tribüne, auf der man ein wenig Distanz gewinnen kann; die ikonische Uhr, frisch renoviert; ein großer historischer Stadtgrundriss.

Auch die Peripherie des Platzes wurde aufgewertet: Die Böschungen wurden neu gefasst und begrünt, der Niveausprung zum alten Postgebäude wird mit neuen Stiegen, Rolltreppen und einem Lift überwunden, damit ist auch die Fußgängerverbindung zum Burghügel deutlich attraktiver geworden.

Entwurf, Architektur:

www.leptek.hu, www.epstudio.hu

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Letzte Änderung: 21.12.2017