Straßenbahn in Frankreich - Bordeaux

Wie viele andere Städte in Frankreich besaß auch Bordeaux eine Straßenbahn alten Stils, deren letzte Linie erst 1958 stillgelegt wurde – nicht einmal 20 Jahre, bevor Frankreich wieder begann, den schienengebundenen Nahverkehr zu fördern. Der bereits seit 1947 regierende Bürgermeister Jacques Chaban-Delmas war allerdings nicht bereit, die Straßenbahn erneut einzuführen und bevorzugte den Bau einer Métro, was allerdings wegen des sandigen Untergrundes nicht möglich war.

Erst nach seinem Rücktritt 1995 kam es zur radikalen Wende in der Verkehrspolitik, als Alain Juppé die Nachfolge übernahm und bald die Einführung einer Straßenbahn beschlossen wurde. Das klar strukturierte Netz aus drei Linien umfasst 2010 bereits mehr als 43 km. Bis 2020 sollen weitere 30 km dazukommen - mit Verlängerungen an fast allen derzeitigen Linienenden, aber vor allem auch mit einer 10 km langen ganz neuen Linie D vom Tramwayknotenpunkt Quinconces nach Nordwesten, die um 1919 fertig sein könnte - allerdings soll künftig etwas billiger gebaut werden.

Der Neubau der Straßenbahn brachte Bordeaux einen ganz enormen Schub an Stadterneuerung. Früher war es eine etwas heruntergekommene Hafenstadt - die Tram brachte frischen Wind, der Innenstadt wurde sorgfältig saniert und 2007 zum Weltkulturerbe erklärt.

Bild rechts: die Place de la Victoire - der elegante Platz am südlichen Rand der historischen Altstadt wird von der Porte d'Aquitaine dominiert, einem Stadttor aus dem 18. Jahrhundert. Gesäumt wird der Platz von eleganten Bürgerhäusern. Mit dem Bau der Straßenbahn erhielt er eine originelle Pflasterung in Kreisform, in deren Zentrum ein verdrehter Obelisk als kontemporäre Ergänzung der alten Bausubstanz steht. Die Straßenbahn verkehrt mit Unterleitung, um das Stadtbild möglichst wenig zu beeinträchtigen.

Interessantes Detail dieses eleganten Betriebes: Wegen der historischen Straßenzüge wird der Strom streckenweise über Unterleitung zugeführt. In Bordeaux hat damit ein Trend begonnen, der mehr und mehr Anhänger findet. Keine Masten, keine Kabel stören den Blick auf historische Altstädte, die Tram hat damit wohl endgültig bewiesen, dass sie wie kein anderes Verkehrsmittel in die Herzen der alten europäischen Städte passt: Fast lautlos, an die jeweilige Architektur angepasst, ohne Schadstoffausstoß, aber mit hohem Fassungsvermögen ist sie neben dem Fahrrad das stadtverträglichste Verkehrsmittel überhaupt.

Übrigens trifft man auch an manchen Streckenenden überraschend auf Unterleitungszonen: Aus Prestigegründen haben Lokalpolitiker teilweise durchgesetzt, dass ohne stadtbildpflegerischen Grund auf manchmal nur paar hundert Meter langen Teilstrecken ebenfalls das APS-System installiert wird.

Die in Bordeaux ausgesprochen gut funktionierende Ampelsteuerung und die großzügige Trassierung machen die Tram außergewöhnlich schnell: Inklusive Stationsaufenthalten beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit beachtliche 21 km/h. Zum Vergleich: Die Wiener U-Bahn kommt auf 34 km/h, allerdings mit langen Zugangs- und Umsteigewegen, die die höheren Geschwindigkeiten egalisieren.

Netzplan

Tramway in Bordeaux (offizielle Seite)

Tramway in Bordeaux, Linie D


Die Zukunft der Städte, Seite 96

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