Belgien: Die Kusttram Knokke - Oostende - De Panne

Die Küstentramway ist der letzte Rest des großen belgischen Überland-Straßenbahnnetzes. Leider wurde dieses riesige Lokalbahnnetz zwischen 1951 und 1963 vollständig stillgelegt, die Kusttram ist die einzige Strecke, die sich behaupten konnte. Heute ist sie mit ihren 68 Kilometern die angeblich längste Straßenbahnlinie der Welt. Betrieben wird sie vom Verkehrsunternehmen De Lijn, dem auch die Straßenbahnnetze von Antwerpen und Gent unterstehen; im Sommer, wenn das Fahrgastaufkommen der Kusttram am höchsten ist, werden daher Fahrzeuge von beiden Städten an die Küste überstellt, um dort auszuhelfen.

De Haan Zeebrugge De Panne

Eine Fahrt mit der Kusttram ist eine Art entschleunigter Zeitreise; die Küstenorte erinnern teilweise an die "Ferien des Monsieur Hulot" von Jacques Tati, andere wiederum, mit ihren grotesken Plattenbauten, an skurrile Persiflagen auf den Massentourismus. Dazwischen noch manchmal verstaubte Grand-Hotels oder elegante Wohnhäuser in Art deco - was der Krieg nicht zerstört hat, fiel der Immobilienspekulation zum Opfer. Viele Wohnungen und Geschäftslokale stehen allerdings zum Verkauf.

Der Betrieb wird eher gemütlich abgewickelt, viele Haltestellen sind für den Fahrkartenverkauf personalbesetzt. Die älteren Gelenkwagen (es gibt 50 Stück, geliefert wurden sie Anfang der 1980er, später wurden sie mit einem Niederflurmittelteil ergänzt) bieten nur sehr bescheidenen Fahrkomfort, die Gleislage passt zur Küste, wenngleich man man eher wasserseitig bei einer Bootsfahrt mit einem solchen Schlingern rechnet. Die elektronische Fahrgastinformation ist unzuverlässig, es gibt aber immer wieder Einlagezüge, auch bei Pannen wird versucht, den Betrieb aufrecht zu halten. Viele Wagen sind exzessiv mit Werbung beklebt und sehen aus wie eine fahrende Plakatwand; die Züge sind streckenweise sehr gut besetzt. Eigenartigerweise fährt man mit Einrichtungswagen, trotzdem gibt es viele Parallelweichen.



In Knokke beginnt die Strecke unspektakulär mit einer Schleife und einer kleinen Remise, dann geht es durch die Einfamilienhäuschen der Stadt. Der erste Höhepunkt sind die Hafenanlagen von Zeebrugge; die Schleusenbecken werden mit Klappbrücken übersetzt, es gibt jeweils Ausweichstrecken über das andere Schleusenende: wenn eine Einfahrt für Schiffe offen ist und die Brücke oben, weicht man über die andere Seite aus. Einige Konstruktionen sind technisch interessant, es gibt z.B. eine kombinierte Klappbrücke für Tram, IV und Eisenbahn (Zeebrugge Vaart - Isabellalaan)! Die Städte Blankenberge und De Haan sind nette Zwischenhalte, vor allem zweitere ist liebenswürdig altmodisch.

Geografisches und betriebliches Zentrum ist Oostende etwa in der Mitte der Strecke. Die Stadt hat eine große Vergangenheit als Ausgangshafen für Atlantiküberquerungen, es gab seinerzeit sogar einen von Wagons-Lits betriebenen Wien-Oostende-Express, der die Luxusreisenden direkt zu ihren Schiffen brachte. Heute ist der Glanz verblasst, im Bahnhof Oostende kommen nun in rascher Folge Pendelzüge aus Brüssel an - das Bahnnetz in Belgien wird dicht befahren, es gibt bis spät abends Züge durchs ganze Land (Tipp: Es gibt eine Fahrkarte für zehn beliebige Fahrten durch Belgien um Euro 77,-!). Zwischen Oostende und Westende Bad gibt es Einlagezüge und damit angenehm dichtes Intervall.


Der westliche Streckenteil Oostende - De Panne ist der bei weitem interessantere, hier ist auch die einzige fotogene Stelle, wo die Kusttram direkt am Meer entlang fährt, entsprechend oft sieht man Bilder, so ist der Gesamteindruck vielleicht etwas verfälscht. In De Panne endet die Linie direkt an der Bahnhaltestelle; bei begrenzter Zeit empfehle ich eine Fahrt von De Panne Richtung Oostende - da kann man den Tag dann in Oostende ausklingen lassen (und es gibt auch etwas mehr Züge als von de Panne Richtung Brüssel). Empfehlung: Das Kulturzentrum "Groote Post" mit seinem netten Cafe direkt an der Tramlinie!

Die Zukunft der Kusttram scheint gesichert, ab 2023 sollen neue CAF-Straßenbahnen die Gelenkwagen ersetzen:



Alle Viennaslide-Bilder der Kusttram

Die Belgischen Überlandbahnen (Niederländische Wiki)

Die Kusttram auf Wikipedia


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Letzte Änderung: 4.12.2017