Straßenbahn in Frankreich - Angers

Angers liegt im Westen Frankreichs zwischen Orleans und Nantes in einem Talkessel am Zusammenfluss von Maine und Loire. In der Stadt selbst leben etwas mehr als 150.000 Menschen, in den insgesamt 31 Gemeinden der Agglomeration 280.000. Es ist eine der mittlerweile vielen Mittelstädte in Frankreich, die auf modernen Verkehr setzen: Knapp 13 Kilometer Strecke, 26 Stationen - darunter Spital, Bahnhof, Universität und Stadtzentrum - das typische Komplettpaket also, alles, was man so als neue Tramwaystadt braucht.

Eine elegante neue Bogenbrücke über die Maine wurde extra für die Straßenbahn errichtet; elegant auch die Stromzuführung durch Unterleitung in Teilabschnitten von Avrillé und im Zentrum von Angers. Als weitere Besonderheit verläuft die Strecke dort wegen der engen Rue de la Roe eingleisig. Eine zweite Linie ist in Überlegung, sie soll im Bereich Gares / Avenue Foch angebunden werden und die 5.000 Einwohner des westlich gelegenen Beaucouzé sowie die Universität mit dem östlichen Stadtrand verbinden.

Interessant an Angers ist aber, dass es so etwas wie eine Musterkollektion aller Ideen ist, die die französischen Betriebe so erfolgreich machen. Eine große Rolle spielen intuitiv lesbare Bodenbeläge - das spart eine Menge Bodenmarkierungen und Schilder, weil der Benutzer spürt, was er darf und soll. Die beiden äusseren Bilder zeigen Beläge, die dem PKW-Nutzer die Fahrspur deutlich machen - weicht man ab, ist es im Wagen hörbar. Ähnliches in der Mitte bei der Einfassung des Rasengleises: Zur Not kann der niedere Randstein überfahren werden - gewünscht ist es aber nicht. Bei der Fußgängerinsel ist es damit auch vorbei, hier steigt der Randstein hoch und schützt die Menschen beim Übergang. Auch die Verschwenkung bremst den Fahrzeugverkehr.

Wie in Frankreich mittlerweile üblich gibt es auch Abschnitte mit Unterleitung (APS, "Alimentation par Sol"). Dies allerdings nicht nur aus Gründen der Optik: In zu engen Gassen könnte der Dachstromabnehmer zu nahe an die Bebauung geraten, so sind es hier auch Sicherheitsgründe.

Schwer einsehbare Hauszufahrten in einer engen Gasse? In Angers kein Problem. Präzise ausgerichtete Spiegel helfen bei der Ausfahrt - man geht davon aus, dass die drei Anrainer wissen, dass da eine Tramway fährt. In Wien sind solche Situationen Grund dafür, erst garkeine Schienen zu legen (Linie 15, Wienerberg - zuviele Grundstücksausfahrten). Auch mit stellenweise schmalen Gehsteigen geht man entspannt um - alle paar Minuten ein Zug, da können die Menschen auch im Gleisbereich gehen. Der geringe Zeitverlust durch die niedere Fahrgeschwindigkeit wird an präzise schaltenden Ampeln leicht wettgemacht.

Im Zuge der Trasse war es notwendig, das Grundstück eines Spitals zu queren. Das Gittertor wird nachts geschlossen... Dort befindet sich auch der steilste Bereich der Strecke - Steigungen bis ca. 10 Prozent sind kein Problem für die starken Wagen.

Interessant auch die französische Lösung bei sehr engen Straßenquerschnitten: Eine Schutzinsel in der Mitte erlaubt sicheres Überqueren in zwei Etappen. Rechts einer der vielen Mini-Kreisverkehre mit "Vorrang geben" an allen vier Einmündungen. Die Tram ist davon ausgenommen, ihre Querung wird durch ein Signal gedeckt.

Natürlich wird die Straßenbahn zu einer deutlichen Aufwertung der durchfahrenen Quartiere genutzt, wobei man auch kleinste Flächen mit Rasengleis ausstattet - nicht nur als Sympathieträger, sondern auch um das Befahren durch KFZ zu verhindern.

Insgesamt hat man an allen Stellen mit größter Sorgfalt gearbeitet - das betrifft die Bodenbeläge genauso wie die vielen sonstigen Details. Jedes einzelne Element ist durchdacht, und die hohe Qualität spürt man überall - und auch den Freude daran, etwas schönes geschaffen zu haben, was die ganze Stadt aufwertet und das Leben der Bürger verbessert.

Derzeit wird der Bau der nächsten Ausbaustufe vorbereitet. Die neue Linie soll Angers von West nach Ost durchqueren, mit einer weiteren Innenstadtquerung. Vorleistungen wurden bereits erbracht, die Weichen für die Abzweigungen wurden schon beim Bau der ersten Linie installiert. Die Kosten für die 16 Kilometer lange Linie mit ihren 31 Stationen werden auf 258 Millionen Euro geschätzt. Die Eröffnung wird für 2020 angestrebt; im März 2017 wurde der Bau vom Präfekten offiziell genehmigt.

Die Stadt ist als Ausflugsziel bei einem Paris-Aufenthalt sehr zu empfehlen - in eineinhalb Stunden per TGV erreichbar, Schloss und Altstadt wie so oft in Frankreich wunderbar idyllisch.

Mit einiger Verzögerung wird nun ab 2019 die Linie B in Angriff genommen. In diesem Zusammenhang wird die Linie A ihre Innenstadtquerung verlieren, diese wird von einer neuen Linie C bedient (im Netzplan grün dargestellt).

Das Design der neuen Linien stammt von Architekturbüro Richez Associes

Überlegungen zur weiteren Netzentwicklung

Tramway in Angers (offizielle Seite)


Die Zukunft der Städte, Seite 140

Lage in Frankreich

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Letzte Änderung: 15.4.2018